Projektförderung: Raum für Geburt und Sinne – Kunstprojekt und Prototyp mit Zukunftsvision

Licht, Geruch, Farbe, Temperatur, Material und Oberflächenbeschaffenheit spielen für unsere Wahrnehmung eine wichtige Rolle. Der „Raum für Geburt und Sinne“ wurde als externer Teil der Jubiläumsausstellung „geburtskultur. vom gebären und geboren werden“ des Frauenmuseum Hittisau anlässlich von dessen 20- jährigem Bestehen im Jahr 2020 realisiert. Es handelt sich dabei um einen begehbaren Lehmkörper, der den Einfluss von Raum und Umgebung auf die Geburt und körperliche Regenerationsprozesse unmittelbar erfahrbar macht. Das Kunstprojekt ist ein Plädoyer für einen kreativen und zeitgemäßen Umgang mit den Themen Raum und Geburt.

Keywords:

ganzheitliche Geburt, Gebärraum, Gesundheit

Ausgangssituation

Der „Raum für Geburt und Sinne“ will den Boden bereiten für ein neues, ganzheitliches Bewusstsein, bei dem Räume und Materialien physiologische und regenerative Prozesse unterstützen. Das auf die Essenz eines funktionstüchtigen Kreißsaals reduzierte Objekt fordert dazu auf, den Fokus vermehrt auf die Sinne zu richten. Verschiedene Körper- und Gebärhaltungen können in ihm von den Besucher*innen selber ausprobiert werden. Eine aktiv Gebärende arbeitet mit der Schwerkraft. Aufrechtes Stehen, Gehen, Sitzen, Knien, Hängen und sich Bewegen unterstützen den Geburtsvorgang. Der „Raum für Geburt und Sinne“ ist somit auch ein Gegenentwurf zum sterilen und klinischen Setting der heute vorherrschenden, stark risikofokussierten Geburtshilfe. Er verdeutlicht, dass verschiedene Faktoren zusammenspielen, um das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit für den intimen Vorgang der Geburt zu gewährleisten.

Lösungsansatz

Hergestellt bzw. vorgefertigt wurde der gewölbte Raumkörper aus 3.500 strohbewehrten Leichtlehmziegeln, welche auf einer massiven Holzplattform aufgemauert und in zwei, fast 12 Tonnen schweren Segmenten von der Produktionshalle bei Lehm Ton Erde Baukunst in Schlins auf die Baustelle nach Hittisau geliefert wurden. Für den Witterungsschutz erhielt der „Raum für Geburt und Sinne“ ein verspieltes Federkleid aus rot lasierten Fichtenschindeln, die direkt ohne Unterkonstruktion an die Lehmziegel angebracht wurden.

Lehm und Kalkglätte werden bei diesem „Experiment“ mit ihrer positiven und beruhigenden  Wirkung auf das menschliche Nervensystem und ihren antibakteriellen, antiseptischen Eigenschaften als sinnvolle und geeignete Materialien für Geburtsräume, aber auch für Krankenhäuser, ganzheitliche Gesundheitszentren, Wellnesshotels oder öffentliche Räume wie Generationenhäuser und Gemeinschaftszentren u.ä. erprobt und direkt erfahrbar gemacht. Die natürlichen Materialien sind in unseren Breitengraden zu gewinnen und bestechen durch ihre Robustheit und Nachhaltigkeit im Sinne eines naturgerechten, umwelt- und ressourcenschonenden Bauens.

Die Expertise für die Materialien Lehm und Kalkglätte brachten Martin Rauch und Gerold Ulrich in das Projekt ein. Der international tätige und preisgekrönte Lehmbauexperte Martin Rauch aus Schlins hat mit seiner Firma Lehm Ton Erde Baukunst GmbH für das neue Kräuterzentrum der Firma Ricola in Laufen  (CH) 3000 Tonnen Lehm gestampft und die Werkhalle damit gefertigt und den Beweis erbracht, dass das natürliche Material allen hygienischen Anforderungen genügt, wenn es mit Wachs beschichtet ist. Der Spezialist für Kalkglätte und Lehmputz in Vorarlberg ist Gerold Ulrich aus Feldkirch, der überregional die Innen- und Außenräume von öffentlichen und privaten Gebäuden gestaltet und beim „Raum für Geburt und Sinne“ die Beschichtung der Lehmflächen angeleitet hat.

Das Projekt

Ruhe, Wärme, Vertrauen – Eigenschaften, die bei der Geburt eines Kindes besonders wichtig sind. Wohlbefinden ist sowohl für die werdende Mutter als auch für ihr Neugeborenes und dessen Vater ein wichtiger Faktor, um wohlbehütet in ein gemeinsames Leben zu starten. Immaterielle und materielle Qualitäten wie Zeit, Licht, Wärme, Akustik und Oberflächenbeschaffenheit bestimmen den Geburtsverlauf – neben einer professionellen Begleitung durch Geburtshelfer*innen – wesentlich mit. Dafür eignen sich einige Baustoffe besonders gut: so auch die natürlichen Baustoffe Lehm und Kalkglätte.

Lehm schafft eine besondere Atmosphäre und bietet eine räumliche Reaktion auf grundlegende Bedürfnisse der Sinne. Mit seinen materialspezifischen Eigenschaften wirkt sich Lehm regulierend auf das Nervensystem aus und schafft damit einen beruhigenden, schützenden Rahmen für den intimen Geburtsprozess.

Das alles war für Anka Dür (Architektin und derzeit Hebamme in Ausbildung) ein Anreiz, als Abschlussarbeit ihres Architekturstudiums ein zeitgemäßes Geburtshaus mit Gebärräumen aus Lehm zu konzipieren.

Anlässlich der 20-Jahre-Jubiläumsausstellung „geburtskultur. vom gebären und geboren werden“ des Frauenmuseum Hittisau (Österreich), wurde daraus der „Raum für Geburt und Sinne“ entkoppelt – ein neuartiger Gebärraum und visionäres Kunstprojekt, das gemeinsam im Team mit Architektin Anna Heringer, Lehmkünstler Martin Rauch und Designerin Sabrina Summer auf der Wiese in der Nähe des Frauenmuseum entstanden ist.

Geformt als eine Art Kapsel, die der Anatomie des weiblichen Körpers entspricht, regt der einzigartige Gebärraum die Sinne der Gebärenden an und unterstützt einen aktiven Geburtsvorgang. Mit dem Prototyp wird dem interessierten Publikum die Möglichkeit gegeben, selber zu erfahren, wie sich Umgebung und Atmosphäre auf die eigenen Sinne und das Körperempfinden auswirken. Der Raum ist als Experimentierraum gestaltet, die Besucher*innen können verschiedene Körperpositionen, auch Geburtspositionen, einnehmen oder einfach in Ruhe verweilen.

Lehm und Kalkglätte werden dabei als sinnvolle und geeignete Materialien für Geburtsräume, aber auch für Krankenhäuser, ganzheitliche Gesundheitszentren, Wellnesshotels oder öffentliche Räume wie Generationenhäuser und Gemeinschaftszentren u.ä. erprobt und direkt erfahrbar gemacht.

Der „Raum für Geburt und Sinne“ ist im Auftrag des Frauenmuseum Hittisau in Kooperation mit der IG Geburtskultur a-zLehm Ton Erde Baukunst GmbH und Studio Anna Heringer entstanden. Eine beispiellose Crowdfunding-Aktion, bei der sich innerhalb kürzester Zeit über 500 Paten und Patinnen für die verwendeten Lehmziegel gefunden haben, hat die Umsetzung letztlich möglich gemacht und eindrücklich gezeigt, dass zahlreiche Menschen hinter dem visionären Projekt stehen.

Die Realisierung wurde zudem durch großzügiges Material- und Arbeitssponsoring regionaler Firmen, durch Beiträge des Landes Vorarlberg, der Gemeinde Hittisau, der Firma Alpla und der  Weitblick GmbH sowie – nicht zuletzt – mit Hilfe zahlreicher ehrenamtlicher Helfer*innen möglich, deren Geburtsdaten sich an der Eingangstüre wiederfinden.

Der Bau startete im April 2020 mitten in der Corona-Zeit und im ersten, österreichweiten Lockdown und war nach knapp drei Monaten Bauzeit fertig gestellt.

Die Effekte

  • Direkte Ergebnisse (Output): Der „Raum für Geburt und Sinne“ zeigt auf, dass natürlichen Baumaterialien wie Lehm und Kalkglätte auch im Sozial-und Gesundheitsbau geeignete Materialien sind. Durch ihre antibakteriellen und antiseptischen Eigenschaften sowie ihre beruhigende Wirkung auf das menschliche Nervensystem können sie für Geburtsräume, aber auch für Krankenhäuser, ganzheitliche Gesundheitszentren, Wellnesshotels oder öffentliche Räume wie Generationenhäuser und Gemeinschaftszentren verwendet werden.
  • Mittelfristige Auswirkungen (Outcome): Mittelfristig sollen die Ergebnisse dieses architektonischen und materialtechnischen Experiments in den Bau eines zeitgemäßen Geburtshauses in Vorarlberg einfließen. Dieses verstehen wir nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu den bestehenden Krankenhäusern mit Geburtshilfestationen, ausgerichtet auf Frauen/Paare, die nach einer komplikationsfreien Schwangerschaft lieber in einem außerklinischen Setting gebären wollen. Das Geburtshaus ist autonom, steht aber in unmittelbarer Krankenhausnähe und kooperiert mit diesem. Beide Institutionen profitieren voneinander durch direkte und wechselwirkende Zusammenarbeit und regelmäßigen Austausch.Zeitliche Perspektive: das Geburtshaus soll im Jahr 2023 realisiert werden.
  • Langfristige Auswirkungen (Impact): Langfristig können und sollen Räume für Geburt, Gesundheit und Gemeinschaft „anders“ gedacht und gebaut werden. Im Hinblick auf die großen Belastungen unserer Umwelt und den rasch fortschreitenden Klimawandel ist es das Gebot der Stunde auch die Bauwirtschaft auf umwelt- und ressourcenschonende Materialien und Produktionsweisen und eine sogenannte „Kreislaufarchitektur“ umzustellen. Der „Raum für Geburt und Sinne“ steht für die verkörperte Vision einer solchen Herangehensweise.

Ansprechpartner

DI.in Anka Dür

Nächstes Projekt

Projektförderung: GUT LESEN – GERNE LESEN – Lesesymposium 2020